Neue Mitte Köln – Vision oder Nebelkerze?

Wer sich in Köln bewegt, kommt nicht drumherum – irgendwann landet er oder sie am  Kölner Hauptbahnhof. Zentral gelegen, direkt angebunden an Paris und Berlin, an Sülz und Neu-Ehrenfeld.

Das soll sich ändern, wenn man dem Verein „Neue Mitte Köln“ Glauben schenkt. Seit Jahren wird die gleiche Idee in Variationen durch die Gegend getragen: Der Hauptbahnhof soll nach Kalk, die Gleise in der Innenstadt werden zurückgebaut und zu einer grünen Landschaft, die sich quer durch die Stadt zieht, dazu gibt’s viele neue Wohnungen.

Grob inspiriert ist das ganze von der „Highline“ in New York, die allerdings aus der Umnutzung einer bereits länger stillgelegten, aufgrund von Strukturwandel nicht mehr benötigten Trasse bestand.

Macht das ganze Vorhaben Sinn? Um’s kurz zu halten: Aus meiner Sicht geht es sich hinten und vorne nicht aus. 

So wollen wir den ÖPNV über die nächsten Jahrzehnte sanieren und ausbauen – ein echter Kraftakt. Die „Neue Mitte Köln“ baut dagegen Trassen und Gleise zurück, schneidet die City sowohl vom Umland als auch vom Fernverkehr ab, entzieht dem Güterverkehr, der ja wachsen soll, Flächen, etc. 

Der Durchgangsbahnhof in der Stadt ist dabei ein Geschenk der Geschichte. In Stuttgart wird mit Milliarden ein Sack- zu einem Durchgangsbahnhof umgebaut, in Zürich mit der Durchmesserlinie und in Frankfurt Fernbahntunnel ebenfalls, auch beim Berliner Hauptbahnhof wurde hier ein enormer Aufwand betrieben. Natürlich muss man den Bahnknoten entlasten – aber ein gut ausgebauter Fernbahnhof Deutz könnte dies deutlich schneller und besser leisten.

Ein Hauptbahnhof in Kalk wäre zudem katastrophal schlecht angebunden, selbst die aktuelle Studie der Neue Mitte zeigt, wie stark gerade der Kölner Süden und Norden abgekoppelt und wir sehr dem für die Verkehrswende so wichtigen Nahverkehr geschadet würde.  

Beim Standort in Kalk fügt man überdies einen Fremdkörper in ein gewachsenes Quartier ein. Ein funktionierender Hauptbahnhof braucht ja auch ein Umfeld – Hotels, Tagungsräume, Restaurants, Anschlüsse. All das gibt es dort nicht, dafür gibt es etwas, das sonst in Köln fehlt: Nämlich günstigen Wohnraum, über die Linie 1 einigermaßen gut angebunden und nah an Grünflächen. 

Last but not least – das Projekt soll in Jahrzehnten Aufenthaltsqualität schaffen, die wir auch heute schon haben können. Die autofreie Ehrengasse ist ein Beispiel, nach einem Umbau gäbe es schon in ein paar Jahren das, was man sich für 2050 erträumt. Man muss sich halt nur, wie Kopenhagen, London, Paris, Barcelona, Gent und Utrecht vormachen daran trauen, dem motorisierten Verkehr Platz wegzunehmen.  

Im Fazit: Doch wohl eher Nebelkerze. 

Was es natürlich trotzdem braucht, sind Visionen für Köln.

Und es gibt sie ja: Superblocks für alle, die zeitnah Aufenthaltsqualität und Grün in die Stadt bringen! Eine Stadtbahn auf der Innneren Kanalstraße, Fußgänger- und Radbrücken, Umbau von Park & Ride im Umland zu Multifunktionsquartieren, etc. 


Vielleicht gibt’s demnächst mal mehr Debatten (und politischen Mut) dazu?